Brüche und Neuanfang

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Eine Art ständiger Verlust der normalen Ebene der Realität
1975
Georg fällt mit einem abgerissenen Strauß Autospiegeln zur Tür herein Hommage à Konrad Bayer
1975
Ohne Titel
1973
Mara
1973
Mannequins for Fats Domino
1974
Cut up 5
1970
Im Atelier Huttenstraße, Berlin -Moabit

Die ersten Jahre des neuen Jahrzehnts bringen zahlreiche Probleme mit sich. Private und finanzielle Schwierigkeiten verbunden mit exzessivem Alkoholkonsum und damit einhergehenden Klinikaufenthalten wirken sich zerstörend und lähmend auf die Lebenssituation des Künstlers und seine Arbeit aus. Bei einem Werkstattbrand verliert Stöhrer Gemälde, Papierarbeiten und Notizen. Erst im Frühjahr 1974 stabilisiert sich seine Lage wieder, das 1973 bezogene neue Atelier in der Hutten Straße, eine Fabriketage in Berlin-Moabit, markiert den Neuanfang.


Die bereits 1969 wieder aufgenommene Arbeit an den Radierungen setzt sich in den frühen 70er Jahren fort. 1972/73 entsteht eine Serie von Radierungen fragmentarischen Charakters. Die Radierungen ab 1974 sind geprägt von der intensiven Beschäftigung mit Texten von Konrad Bayer und Antonin Artaud. Mit der Unterstützung von Freunden und Sammlern kann Stöhrer diese Blätter ein Jahr später im Eigenverlag drucken.

Wohnatelier Bamberger Straße © Wolfgang Klüppel


Für die Arbeiten auf Leinwand wird die Malaktion im Württembergischen Kunstverein von 1969 zum wichtigen Reibungspunkt. In einem Zwischenschritt überzeichnet, collagiert und übermalt er u.a. Fotos aus der Factory von Andy Warhol und spielt für sich die Möglichkeiten von "Cut-Up" und "Fold-In" Verfahren durch. Im Sommer 1970 fließt dieser Arbeitsprozess in eine Reihe von Leinwandbildern unter dem Sammeltitel "Cut up" (bspw. WV 70.2) ein, die in ihrer Offenheit des Bildganzen die Erfahrungen der Malaktion aufnehmen. In den Arbeiten, die danach entstehen, verschärft Stöhrer das Graffitihafte der Bild-im-Bild-Einschübe, „Mannequins für Fats Domino“ (WV 74.13), die Bildräume verdichten sich, „Mara“ (WV 73.7) während er zugleich Modelle einer neuen Farbbahndynamik sucht. So weist „Ohne Titel“ (WV 73.3) erstmals das Motiv der von links nach rechts eingeschriebenen Doppelschwinge auf. Zeitgleich forciert Stöhrer das Prinzip, die Leinwand von mehreren Seiten aus zu bearbeiten. So unterläuft

„Georg fällt mit einem abgerissenen Strauß Autospiegeln zur Tür herein – Hommage à Konrad Bayer“
(WV75.31)

eine allzu leichte Anlesbarkeit. All das Gesagte verdichtet sich in der Artaud-Hommage „Eine Art ständiger Verlust der normalen Ebene der Realität" (WV 75.30).
nbf / hf

Atelier Schönleinstraße, Berlin-Kreuzberg