Wechselnde Arbeitsorte

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Von 1978 an forciert Stöhrer einerseits das Arbeiten an wechselnden Orten, andererseits das von der Übermalung der Grieshaber-Wände in Stuttgart (WV 69.2) bekannte öffentliche Arbeiten, von Stöhrer als öffentlicher Malprozess skizziert. Daraus ergibt sich eine Radikalisierung sowohl der Stringenz in zeitlich zusammenhängenden Arbeiten, aber auch der Brüche und des immer wieder gesuchten Neuanfangs.

Gastatelier, Limonaia, Florenz, 1980 ©

Den Auftakt markiert der Villa Romana Preis, den der Künstler in diesem Jahr erhält und der ihm zwischen Februar und November einen 2. Arbeitsaufenthalt in Florenz ermöglicht. »Durch die Toscana chauffiert, malt er im fahrenden Auto Blätter seiner "Schwarzen Toscana", fotografiert aus dem fahrenden Auto heraus. Scheint zum ersten Mal Landschaft in sein Vokabular oder sein Alphabet aufnehmen zu wollen, besser: er schaut Landschaft wie ein Schriftstück an, reißt aus ihr hieroglyphische Buchstaben heraus.«  (Brief Joachim Burmeister an Ottmar Bergmann, Archiv der Stiftung).  Es entstehen mehr als 20 Gemälde. Als ein bildnerischer Satz lassen sich Bilder „Wir erzählen einander Bruchstücke unserer eigenen fremden Biografie- Hommage à R.D. Brinkmann (WV 78.5 und 78.6) „Zeit ist die Zerschneidung des Ganzen durch die Sinne- K. Bayer“ ( WV 78.3), „Kopf aus der Toscana I“ (WV 78.18), „Tierfigur“ (WV 78.10) und „Jeder Gedanke ist ein Würfelwurf“ (WV 78.7) lesen. Als Einzelbild indes signalhaft für Stöhrers Befragen einer offenen Figuration in den kommenden Jahren ist "Blauer Kopf" (WV 78.4). In der Umrissgestalt roh gehalten und aus der zentralen vertikalen Farbbahn entwickelt, lässt sich im oberen Bereich eine Kopfform erahnen. Zugleich bemerkt man eine abschattierte Schwingenbahn links, die Schrift sitzt direkt auf der Leinwand. Damit sind drei Impulsmomente für die weitere Entwicklung des Werks benannt, auch wenn „Schwarze Toscana“ (WV 79.6) den Gegenentwurf markiert und die Farbformverdichtung etwa in „Die Erzählung von dem, was war, ist immer nur Zufall“ zunächst dominiert. (WV 79.1). Dialektisch ist zudem die Behandlung der Farbbahn an sich angelegt. Wird sie etwa in „Figuren-Landschaft“ (WV 79.14) ausgebürstet, formiert sie sich in dem ebenfalls „Figuren-Landschaft (WV 79.13) betitelten Werk volumenhaft zu eigenwertiger Körperqualität. Damit markiert Stöhrer weiterhin die Malerei als Diskussionsfeld seines Schaffens. Dies gilt wie die bei einem zweiten Aufenthalt in der Villa Romana entstandenen Arbeiten „Große Schwarze Toscana“ (WV 80.1), „Psychodrom“ (WV 80.2) und „Ohne Titel /Firenze“ (WV 80.3) zeigen auch für den Malgrund. Stöhrer arbeitet hier jeweils auf Containerpappen.

Mit Ottmar Bergmann Wohnatelier Hagelberger Straße, Berlin Kreuzberg © Ute Schendel

Im Herbst 1980 bezieht Stöhrer eine Atelierwohnung in der Hagelberger Straße in Berlin-Kreuzberg und geht erstmalig das Thema Diptychon / Triptychon an „Titel nicht bekannt“ (WV 80.12) an, das er bspw. mit „Das Gras war eine flüchtige Pause“ (WV 82.15) oder „Feed-back beweists, Feed-back ist Gesetz (WV 82.11) weiterführt. Er beginnt, sich mit Texten von Unica Zürn zu beschäftigen.

Sinalunga, Italien, 1981 ©

Während eines Sommeraufenthaltes in Sinalunga bei Siena (1981) setzt er diese Lektüre in Bilder und Arbeiten auf Papier um. Maßgebliche Bezugsquelle ist der Text "Les Jeux a deux" aus dem Buch "Der Mann im Jasmin" der vom Künstler geschätzten Autorin. In diesem Werkprozess hellt sich die Farbpalette gegenüber den dunkleren Arbeiten aus dem Berliner Atelier wie "Kopf-Torso II" (WV 81.4) erstmals deutlich auf. In der Folge experimentiert Stöhrer mit eher leuchtenden Farben auf hartweißem Grund wie in „Nur die Unwirklichkeit hebt das Gesetz der Distanz auf-Hommage à Unica Zürn“ (WV 81.20), in dem Diptychon "Feed-back beweist's, Feed-back ist Gesetz. Charles Olson" (WV 82.11) oder "Im mittfreien Fall − genau wie dieser Sommer endete − Fragmente und Spuren. Kenward Elmslie" (WV 82.29). Ein zweiter Sommeraufenthalt in Sinalunga (1982) und in Pittigliano bei Rom (1985), erweitern die Italienerfahrungen. Der Sommer auf Schloss Mochental (1986) führt dann zu einer Reihe von Arbeiten auf Papier, in denen Stöhrer seine Reflektionen zum Lyrikband "Carmen von Wolf Wondratschek verarbeitet.

Malprozess im Forum Kunst, Rottweil, 1980 ©

Parallel dazu arbeitet Stöhrer in öffentlichen Malprozessen. Den Auftakt bildet 1980 das Arbeiten im FORUM KUNST, Rottweil. „Die Schönheit wird konvulsiv sein oder sie wird nicht sein“ (WV 80.18).  1982 entsteht unter dem Titel "Über das vereinzelte Herauswachsen der Körperteile und ihre mannigfachen Zusammenfügungen" eine Bilder-Folge auf Leinwand und Papier zu Texten des Vorsokratikers Empedokles aus Agrigent in Nordhorn. 1983 schließt sich der Malprozess "Hommage à Frank O'Hara" in einer leerstehenden Fabrikhalle in Kißlegg an. Die Arbeiten aus Kißlegg zeigen überwiegend eine Offenheit des Bildraums, „Zufallssensibilität I (WV 83.17) „Zufallssensibilität IV“ (WV 83.19) während Stöhrer sich bei den Arbeiten aus Nordhorn eher für die Transparenz sich überlagernder Farbformfindungen interessiert, „Denn aus ihnen (den Elementen) ist alles passlich zusammengefügt Empedokles“ (WV 82.5), „In den Fluten, das ihm entgegenspringt, nährt sich das Herz II Empedokles“ (WV 82.13).

Malprozess zu Frank O' Hara in einer Fabrikhalle in Kißlegg, 1983 ©

Nach fast siebenjähriger Pause beginnt Stöhrer um 1984/1985 wieder zu radieren. Anlass ist die Einladung zur Teilnahme an einem Editionsprojekt der Galerie Hermeyer, die übermalte Radierungen ihrer Künstler zu einer Reihe von Unikaten zusammenführen will. Stöhrer möchte für dieses Projekt nicht auf vorhandenes Material aus früheren Jahren zurückzugreifen, sondern arbeitet auf mit Asphaltlack beschichteten Kupferplatten und radiert direkt auf Zinkplatten. Als Arbeitswerkzeug nutzt er auch gebrochene Rasierklingen, das Ätzen der beschichteten Platten – in früheren Jahren von ihm selbst vorgenommen – überlässt er nun der Druckerei, in der auch häufig seine Weiterarbeit mit der Kaltnadel auf geätzten Platten erfolgt. Bis zum Frühjahr 1986 entstehen etwa 50 Platten.

Im selben Jahr wird Stöhrer als Professor für Malerei an die Hochschule der Künste in Berlin berufen und erwirbt einen alten Landgasthof in Scholderup/Schleswig-Holstein, dessen ehemaligen großen Festsaal er als Werkstatt nutzt.

nbf / hf