Scholderup – Berlin

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Neben mehreren Sommeraufenthalten auf Mallorca – 1995 entstehen dort die Gouachen zu Ramon Llull „Unter dem Feigenbaum“ – arbeitet Stöhrer in diesen Jahren abwechselnd in Berlin und Scholderup.

Arbeit an "Unter dem Feigenbaum", Hommage à Ramon Llull, San Telmo, Mallorca 1995 © privat

1995 findet er in seinem Berliner Atelier, Hagelberger Straße, zu einem für ihn wichtigen Neu-Einstieg in die Kaltnadeltechnik. Im Winter 1995 entstehen in Scholderup ca. 20 Kaltnadelradierungen, von denen er 12 gemeinsam mit Norbert Weber in dessen Druckerei und Galerie in Eckernförde druckt. Unter dem Titel NOCH NICHT", der einen gleichnamigen Text von G.M. Hopkins zitiert, werden sie als Mappe veröffentlicht. Als Autor wird Hopkins für Stöhrer in diesen Jahren zu einer wichtigen Bezugsquelle. Mit Abzügen dieser Radierfolge konkretisiert Stöhrer den Bild-im-Bild-Dialog aus den vorangegangen Werkphasen.

Atelier Scholderup, 1996 © privat

Einzelne Abzüge nutzt er für eine Folge von ca. 20 malerischen Arbeiten auf Papier, für die er die ausgewählten Graphikblätter in unterschiedlichen Anordnungen auf den jeweiligen Malgrund heftet. »(...) die Farbbahnen und die Linien, die mit dem Pinsel in Farbe oder die mit Kreide gezeichnet sind, führen (...) das lineare Inventar der Radierung weiter, verdoppeln oder erweitern es bis an die Bildränder, [und setzen] mit Schwarz, Blau, Rot, Gelb starke neue Impulse.« (Jens Christian Jensen: NOCH NICHT, in A.-Kat. Walter Stöhrer- Neue und frühe Arbeiten, Hannover 1998, Seite 55). In der Leinwandarbeit "Noch Nicht − Hommage à G.M. Hopkins" aus demselben Jahr greift Stöhrer das Thema der Doppelfigur auf, während er zeitgleich − wie in "Roter Caspar" (1996) − der den Bildraum füllenden Linienfiguration neue Bedeutung gibt.

Durch eine Ausstellung des syrischen Malers Marwan in der Galerie Raab, der auch Kollege an der HdK ist, wird Stöhrer auf das Buch "Ausgewählte Gedichte 1958-1965" des syrisch-libanesischen Lyrikers Adonis aufmerksam. Seit der Lektüre des Vitus Bering von Konrad Bayer hat ihn kein Text so affiziert, ja infiziert. In den siebziger Jahren forderte Bayers Verknüpfung des Disparaten durch den Text die Phantasie und Gedankenwelt Stöhrers heraus, das Tableau der verschwiegenen Zusammenhänge weiterzuspinnen, zu verändern. Hier bei Adonis so sagt Stöhrer, erlebe er eine Wiedervezauberung der Welt durch die Sprache.

Arbeit an "Zauberer des Staubs", Casita bei Campos 1998 © privat

Auf Mallorca bei Campos entsteht eine Folge von 42 Gouachen unter dem Titel "Zauber des Staubs" in unmittelbarer Auseinandersetzung mit den Texten des Autors.

Die Drucktechnik der Monotypie, bei der die Farbe vor dem Druckvorgang direkt auf eine zuvor mit Kaltnadel bearbeitete Platte aufgetragen werden kann, eröffnet Stöhrer 1999 die Möglichkeit, die malerische Weiterarbeit an Radierungen direkt ins Drucktechnische übernehmen zu können. In dieser Technik fertigt er eine Reihe von Blättern an, die unter dem Titel

"WÖRTER, MIT SCHLAMM GEFÜLLT / WÖRTER MIT WEHEN GESCHMÜCKT −"

auf eine Passage aus dem Gedicht "Abschiedsgruß" von Adonis Bezug nehmen. Unter gleichem Titel entsteht im selben Jahr eine Bildfolge auf Leinwand, mit der er die unmittelbare Dynamisierung des Bildraumes weitertreibt. In der zweiten Jahreshälfte wird auch die Mappe "IN DEINEM NAMEN, TOD FREUND MEIN" mit fünf Kaltnadelradierungen herausgegeben, die mit ihrem Titel auf das Gedicht "Die einsame Erde" von Adonis verweist.

Ein inoperabler Lungentumor wird diagnostiziert. Am 10. April 2000 stirbt Walter Stöhrer in Scholderup.

hf