Atelier Huttenstraße

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Inspiration ist die These die den Künstler zum bloßen Beobachter macht Hommage à P. Valery
1977
Und wo es nur noch gilt Körper zusammenzuraffen ich meine Körper aufzuhäufen A. Artaud
1977
Dritter Ehebrief
1976
Verletzung durch stumpfe und scharfe Gewalt
1976
Große Weiber voll Kosmetik und Industrie I Hommage à R.D. Brinkmann
1976
„Aus Trümmern und Staub widersteht der Mensch mit dem Kopf eines Neugeborenen schon ist er halb flüssig halb Blume – Hommage à René Char"
um 1976

Der Ausschnitt eines Textes von Christine Hoffmann gibt Einblick in die Denk- und Arbeitsprozesse von Walter Stöhrer: »Auf der schweren Metalltür prangte als skripturaler Frontispiz die Inschrift:

»Navigare necesse es … vivare no es necesse.«

Das schwungvoll mit der Farbtube aufgetragene Zitat hatte Stöhrer bei Burroughs aufgelesen. Das »navigare« stand für die Notwendigkeit des permanenten Aufbruchs und gegen jegliches sich Festsetzen in Beschaulichkeit, der Stöhrer mit einem weiteren Lieblingswort als Tür-Notat, der »Akzeleration«, schon vor Betreten der Werkstatt den Boden entziehen wollte. Primat der Beweglichkeit, Geschwindigkeit, Denken und Reagieren nicht im Modus der Kontemplation, sondern der permanenten Entäußerung, Exaltation, die der verinnerlichenden Imagination überlegen war, Weitertreiben von Grenzen und Überschreitung– dies alles im Geistig-Psychischen und ganz konkret in den Bildern.« (Christine Hoffmann: Transit, in: Radierarbeit, Berlin 2008, Seite 70)

Übermaltes Foto, Huttenstraße © privat

Der intensive Arbeitsprozess im neuen Atelier wird im September 1976 von einem zehntägigen Aufenthalt in der Villa Romana in Florenz unterbrochen. Nach eigener Aussage habe ihn die große Kunst dort überhaupt nicht tangiert, vielmehr sei es eine Mischung aus Arbeit, Landschaft und Klausur gewesen, in der er unter anderem an 20 Radierungen weiterarbeitet, die er nach seiner Rückkehr in Berlin fertig stellt.  Neben Offset-Lithografien, die er auch in die seine Ausstellungen begleitenden Kataloge der Galerien Danckert und Georg Nothelfer, Berlin, sowie der Schlosshofgalerie, Kißlegg, der Galerie Kurmann-Lutz, Stuttgart und der Galerie AK–aktuelle Kunst, Frankfurt am Main einarbeitet, entstehen in Berlin weitere Radierungen. Eine Auswahl von 15 Blättern ediert die Galerie Kurmann-Lutz, unter dem Titel "DIE-BEWEGUNG-DER-ZÄHNE".

Literarisch beschäftigen Stöhrer in dieser Zeit insbesondere Texte von Charles Bukowski, George Bataille, aber auch von Paul Valéry, worauf von ihm angestrichene und mit Datierung versehene Textpassagen in dem Buch "Windstriche" hinweisen.

Im Zusammenhang mit der Ausstellung 1977 in der Galerie Georg Nothelfer, es werden in den Rohbau-Räumen des Kudamm-Karées Bilder aus den letzten Jahren gezeigt, kommt es zu einer  gemeinsamen Aktion mit Dieter Appelt, der dabei den Part der Performance übernimmt, während Stöhrer eine Fotoarbeit von Appelt übermalt.

Atelier Huttenstraße, Berlin Moabit © Lindner

Tauchen in den zurückliegenden Jahren bereits verstärkt die an De Stijl und COBRA erinnernden Primärfarben in den Bildern auf, fügt Stöhrer diese nun vermehrt als gezielte Akzente in den Malprozess ein. Während er Blau und Gelb dabei eher für die Farbbahn nutzt, fungiert das Rot zumeist als Impuls-Ton, in den Stöhrer hineinarbeitet wie in dem Bild „Aus Trümmern und Staub widersteht der Mensch mit dem Kopf eines Neugeborenen, schon ist er halb Blume – Hommage à René Char" (WV76.6). Wobei das titelgebende Literaturzitat dem fertigen Ganzen eingeschrieben ist. Nahezu singulär steht das als Einzelfiguration lesbare und sich aus gebrochenen Gelbgrüntönen entwickelnde "Große Weiber voll Kosmetik und Industrie I  Hommage à R.D. Brinkmann" (WV 76.25), nutzt doch Stöhrer überwiegend den formal zugleich sichernden Impuls für ein Kräftemessen der Farbformen – wie in „Alles Geschriebene ist Sauerei – A. Artaud“ (WV 76.37).

Atelierwand, Huttenstraße, Berlin-Moabit © privat

Ist im Folgenden eine Veränderung der Palette durch Weißaufhellungen zu bemerken wie in „Verletzungen durch stumpfe und scharfe Gewalt“ (WV 76.44), zeigt „Dritter Ehebrief“ (76.45) das Aneinanderstoßen zweier Farbformvolumen und eine mehrphallische Figur. Leichter und offener gibt sich „Die Geschichte des Auges – Für G. Bataille“ (WV 76.3) Die Veränderung der Farbpalette durch Weißaufhellungen wird zudem durch einen zunehmend selbstverständlich auftretenden fleischfarbenen Ton erweitert, „Und wo es nur noch gilt, Körper zusammenzuraffen, ich meine, Körper aufzuhäufen – A. Artaud“ (WV 77.13) Darüber hinaus ist eine Systematisierung in der Verwendung von Ausrissen aus Zeitschriften mit meist pornographischen Motiven zu beobachten. In der Arbeit "Bild für Dieter Appelt" (WV 77.22) übernehmen vier Fotografien die Funktion einer in der Aufwärtsbewegung auf das Bildzentrum zulaufenden Farbbahn und dient die Reihung von Zeitungsausrissen sowie Katalogseiten aus Appelts „Monte Isola“ in „Das Verlangen nicht aussagbar, und die Verzerrungen nennt man persönlich. R.D. Brinkmann (WV 77.23) als Impulsbahn, so zeigt "Inspiration ist die These, die den Künstler zum bloßen Beobachter macht – Hommage à Paul Valéry“ (WV77.20) ein konsequentes Bild-im-Bild-Szenario: Ein Foto, eine Stöhrer Tuschzeichnung, ein Ausriss einer Katalogseite und eine von Stöhrer überzeichnete Textseite markieren die Handlungsfelder Stöhrers außerhalb der Malerei und besetzen im Gemälde als Impulsformen Ausgangs- und Kraftpunkte der Gesamtfiguration.

nbf / hf