Frühe Berliner Jahre

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Atelier Schulzendorfer Straße, Berlin-Wedding 1963-1967, © Wolfgang Klüppel

Bis 1963 hat die Farbbahn die aneinanderstoßenden und sich überlagernden Farbsetzungen der frühen Arbeiten abgelöst. Das Tempo, der Prozess selbst werden zum Thema der Bildentwicklung, die Gestaltformen zu Einschüben mit skripturalen Akzenten. Durch das Ausweiten der Amöbenfiguration intensiviert Stöhrer die bildnerische Diskussion des Körperfragments und durch die Dominanz von Gliedmaßen-Farbbahnen schließt er das Bild zu einer Gesamtfigur, die jedoch immer wieder im Dialog von Themen wie Durchdringung und Überlagerung aufgehoben wird. Zufällige Verlaufsspuren von Farbe werden bewusst zugelassen und offenere Bildkonzeptionen stehen neben der gefestigten Gesamtfiguration. Durch forcierte Strichfigurationen unterläuft er dabei bewusst die tradierten Inszenierungsstrategien der heroischen Bildform.

Auffallend ist auch die Farbentwicklung in dieser Zeit. Von der überwiegend in Rot-Weiß gehaltenen Palette bis 1962 vollzieht Stöhrer den Schritt zu einer Vielheit der Farbnuancen:

»Ich arbeite Tag und Nacht… alles schichtet sich um, will keine Ruhe finden, drängt weiter, die Bilder, die Farben, der Maler. Hier stehen zwanzig neue Bilder jeglichen Formats in allen Farben weiß, blau, grün, rot, gelb, viel gelb, ocker, himmelblau… ich weiß nicht, weshalb ich nicht schon eher solche Bilder gemalt habe…«
Brief Walter Stöhrer an Ottmar Bergmann

Wohnatelier Bamberger Straße, Arbeit an "Wahnhall", 1968 © Wolfgang Klüppel

Neben rund 140 Bilder auf Leinwand entstehen in den nächsten fünf Jahren auch viele Malereien auf Papier. Dann bricht die intensive und produktive Phase des „Bilder-Malens“ ab. Die Möglichkeiten einer freieren, flüssigeren Bildkomposition, die sich in „Hab ich Wut, sauf ich Blut“ oder „Double Red Kid“ von 1967 andeuten, werden erst 1970 in der Serie „Cut-up“ fortgesetzt. Einen Zwischenschritt in dieser Entwicklung markiert die Malaktion „Schlachtet den Vater“, zu der Stöhrer von HAP Grieshaber 1969 in den Württembergischen Kunstverein Stuttgart eingeladen wird. Auf vier sechs Meter langen und zwei Meter hohen Papierbahnen hat Grieshaber lineare Vorgaben gezeichnet. Diese „Figuration“ des Vaters soll, wie er selbst formuliert, von einem Künstler-„Sohn“ geschlachtet und in einer dem Publikum zugänglichen Aktion direkt übermalt werden.

Stöhrers Interesse an Radierungen erlischt 1964 nach Abschluss der Arbeiten an der Mappe "Jorge de Lima". Bis dahin sind über 400 Blätter überwiegend in der Kaltnadeltechnik entstanden. Erst nach fünf Jahren knüpft er wieder an die intensive Radierarbeit der frühen Berliner Jahre an. Die Figurationen werden kleinteiliger, wirbelartige Kunstfiguren und Figurenfragmente entstehen, die teils eingesponnen von Liniennetzen, dann wieder von geschwungenen und kantigen, mal dichter gesetzten, mal einzeln verfolgten Linien durchzogen, überzogen und umfangen werden.

Atelier Schulzendorfer Straße, Berlin-Wedding 1963-1967 © Wolfgang Klüppel